Gleichgewicht und Sport

 

 

Unser Gleichgewichtssystem ermöglicht es, uns gegen die Schwerkraft zu erheben. Als wesentlicher Teil der Koordination leiten dabei in der Regel die im Innenohr befindlichen Gleichgewichtsorgane (durch Bewegung des Kopfes) die Be-wegungsabläufe ein. Neben dieser dynamischen Aufgabe bewirken sie ein statisches Gleichgewicht durch Tonisierung der Stützmotorik (1). Die Körperhaltung ist Voraus-setzung für die Körperbewegung (2). Im Rahmen der Evolution wurden weitere Sinnessysteme wie die Augen zugeschaltet. Die dadurch erreichte Blickfeldstabilisie-rung ermöglicht dem Menschen, in der Bewegung scharf zu sehen. Sensoren in Mus-keln und Sehnen geben dem Gehirn zusätzliche Informationen über die Position des Körpers im Raum. Klingt kompliziert - ist es auch!

Erlernen geht jedoch einfach. Das können schon Kinder im Mutter-leib (3)! Jede Bewegung reizt Sinnesorgane und bedingt einen Lernprozess.

Umso erstaunlicher waren die Ergeb-nisse des im Auftrag des Hessischen Kultusministeriums 2007 durchgeführ-ten interdisziplinären Projekts „Schnecke – Bildung braucht Gesund-heit” (s. Abb.). Dabei ergab sich ein signifikanter Zusammenhang zwi-schen den auffälligen bis stark auffälligen Befunden in den Gleichgewichtstest und schlech-teren Schulnoten in Mathematik, Deutsch und Sport. Die Verfasser kamen zu dem Schluss: „Bewegung kommt nicht nur vom Kopf, Bewegung nutzt auch dem Kopf“ (4).

Andere Wissenschaftler haben herausgefun-den, dass häufiges Nutzen von Monitoren zur Entkopplung der visuellen Reize von der Körperbewegung führt (5). Also Fernseher/ Spielekonsole aus und raus oder in die Turnhalle!

 

 

 

 

Foto: Jara Kugele steht wegen

ihres guten Gleichgewichts sicher

auf dem Schwebebalken.

 

 

 

Derzeit ereignen sich in Deutschland jedes Jahr zwischen fünf und sechs Millionen unbeabsichtigter Stürze von älteren Menschen (6) – Tendenz steigend. In mehr als 400.000 Fällen kommt es dabei aufgrund eines Knochenbruchs zu einer Krankenhausbehandlung. Dieses setzt häufig eine Spirale in Gang, welche die Lebensumstände der Betroffenen zunehmend verschlechtert. In Studien konnten eine nachlassende Gleichgewichtsfähigkeit und eine Reduktion der Muskelkraft im Alter als wesentliche (intrinsische) Ursachen ausgemacht werden (7). Die Bundesinitiative Sturzprophylaxe leitet daraus die Empfehlung eines intensiven, individuell herausfordernden Trainingsprogramms, bestehend aus Gleichgewichts- und funktionellem Training (inklusive Kräftigungsübungen) ab. Menschen, die ihr Zuhause nicht verlassen können, um an Kursen von Vereinen teilzunehmen oder nicht gruppenfähig sind, stellen eine besondere Herausforderung dar, die es zu meistern gilt.

 

 

Sport und Bewegung bleiben zeitlebens die beste Medizin!

 

 

Dr. med. Dieter Czapski                                                   Cuxhaven, 29.09.21

 

Facharzt für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde

 

Umwelt-, Palliativ- & Sportmedizin

 

 

 

Quellen:

 

(1) K.-F. Hamann „Training gegen Schwindel“ Springer-Verlag 1987

 

(2) J. Haase „Haltung und Bewegung und ihre spinale Koordination“ Urban & Schwarzenberg 1976

 

(3) A. Jean Ayres „Bausteine der kindlichen Entwicklung“ Springer-Verlag 1992

 

(4) http://www.bildung-kommt-ins-gleichgewicht.de/index_htm_files/Broschuere_Schnecke_2010.pdf

 

(5) http://www.kidcheck.de/wiss_f09.htm

 

(6) https://cdn.dosb.de/user_upload/Sportentwicklung/Demenz/Infodienst_Sport_der_Generationen/BIS_Empfehlungspapier_Gruppe_Endversion_Nov._2020.pdf

 

(7) https://www.researchgate.net/profile/Urs-Granacher/publication/255177142_Assessment_and_training_of_strength_and_balance_for_fall_prevention_in

 

CZ/HLes, 12.11.21

 

 

Sport und Gesundheit

 

Als ich vor über fünf Jahren gefragt wurde, ob ich Vereinsarzt des ATSC werden möchte, habe ich dieses Ehrenamt gerne angenommen.

 

Der Verein bietet Menschen jeden Alters die Möglichkeit, auf gesunde Weise Sport auszuüben und damit die Lebensqualität, ja sogar die Lebenserwartung zu steigern. Unter Anleitung von erfahrenen Sportlehrerinnen und Übungsleiter/innen findet jeder ein Angebot, welches zu ihm passt.

 

Wie man früher bereits annahm, beweisen mittlerweile Studien, dass Sportausübung in der Kindheit die Basis für die gesundheitliche Entwicklung im Erwachsenenalter darstellt. Werden in der Pubertät Sportarten wie Turnen ausgeübt, sind die dadurch resultierenden hohen Knochendichtewerte bis ins hohe Alter nachweisbar (1). Darüber hinaus haben Forscher herausgefunden, dass bereits im Grundschulalter Gewicht und körperliche Fitness auf das Wohlbefinden und das soziale Gefüge, aber auch auf die spätere  Gesundheit des Herz-Kreislauf-Systems Einfluss haben (2-4).

 

Aber auch, wenn man noch nicht von Kindesbeinen an Sport getrieben hat, ist es ist nie zu spät, damit anzufangen! Der menschliche Körper ist bis ins hohe Alter in der Lage, zu lernen und sich zu regenerieren. Studien haben gezeigt, dass Sport die geistige Leistungsfähigkeit erhalten und sogar verbessern kann (5,6). Regelmäßiges Training wird mittlerweile erfolgreich zur Vorbeugung und Therapie chronischer Erkrankungen, auch bei Krebs eingesetzt (7).

 

"Obwohl die positive Wirkung von Bewegung bekannt ist, nehmen bei uns leider die sogenannte „Lifestyle-Erkrankungen" zu" (8). In Deutschland sind mittlerweile 25% der Erwachsenen fettleibig (9). Bei Kindern und Jugendlichen hat sich der Anteil innerhalb von 40 Jahren weltweit verzehnfacht! (10).

 

Der Ausweg besteht in gesunder Ernährung und Sport. Um gesundheitliche Risiken auszuschließen, sollte jedoch vor dem ersten Training ein medizinischer Check erfolgen. Danach kann´s losgehen!

  

Dr. med. Dieter Czapski

Facharzt für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde

Umwelt-, Palliativ- & Sportmedizin

 

Quellen: 

  1. Beck BR. Exercise for Bone in Childhood-Hitting the Sweet Spot. Pediatr Exerc Sci. 2017; 29: 440-449. doi:10.1123/pes.2017-0023

  2. Castro-Piñero J, Perez-Bey A, Segura-Jiménez V, Aparicio VA, Gómez-Martínez S, Izquierdo-Gomez R, Marcos A, Ruiz JR; UP&DOWN Study Group. Cardiorespiratory Fitness Cutoff Points for Early Detection of Present and Future Cardiovascular Risk in Children: A 2-Year Follow-up Study. Mayo Clin Proc. 2017; 92: 1753-1762. doi:10.1016/j.mayocp.2017.09.003

  3. Crump C, Sundquist J, Winkleby MA, Sundquist K. Aerobic fitness, muscular strength and obesity in relation to risk of heart failure. Heart http://heart.bmj.com/content/early/ 2017/05/11/heartjnl-2016-310716 Published May 12, 2017. [Accessed October 24, 2017] doi:10.1136/heartjnl-2016-310716

  4. Crump C, Sundquist J, Winkleby MA, Sundquist K. Interactive effects of obesity and physical fitness on risk of ischemic heart disease. Int J Obes. 2017; 41: 255-261. doi:10.1038/ijo.2016.209

  5. Northey JM, Cherbuin N, Pumpa KL, Smee DJ, Rattray B. Exercise interventions for cognitive function in adults older than 50: a systematic review with meta-analysis. Br J Sports Med. 2018; 52: 154-160. doi:10.1136/bjsports-2016-096587

  6. Petersen RC, Lopez O, Armstrong MJ, Getchius TSD, Ganguli M, Gloss D, Gronseth GS, Marson D, Pringsheim T, Day GS, Sager M, Stevens J, Rae-Grant A. Practice guideline update summary: Mild cognitive impairment: Report of the Guideline Development, Dissemination, and Implementation Subcommittee of the American Academy of Neurology. Neurology. 2018; 90: 126-135. doi: 10.1212/WNL.0000000000004826

  7. Pedersen BK, Saltin B. Exercise as medicine – evidence for prescribing exercise as therapy in 26 different chronic diseases. Scand J Med Sports. 2015; 25: 1-72. doi:10.1111/sms.12581

  8. Rehm J, Gmel GE Sr, Gmel G, Hasan OS, Imtiaz S, Popova S, Probst C, Roerecke M, Room R, Samokhvalov AV, Shield KD, Shuper PA. The relationship between different dimensions of alcohol use and the burden of disease-an update. Addiction. 2017; 20. doi:10.1111/add.13757 [Epub ahead of print].

  9. Mensink GB, Schienkiewitz A, Haftenberger M, Lampert T, Ziese T, Scheidt-Nave C. Übergewicht und Adipositas in Deutschland. Bundesgesundheitsbl. 2013; 56: 786-794. doi:10.1007/s00103-012-1656-3 

  10. NCD Risk Factor Collaboration (NCD-RisC). Worldwide trends in body-mass index, underweight, overweight, and obesity from 1975 to 2016: a pooled analysis of 2416 population-based measurement studies in 128,9 million children, adolescents, and adults. Lancet. 2017; pii: S0140-6736(17)32129-3. doi:10.1016/S0140-6736(17)32129-3 

Cz/HLes, 6.8.2018